Regelenergie

Elektrische Energie lässt sich nicht in großen Mengen speichern. Daher muss zu jedem Zeitpunkt exakt so viel elektrische Energie erzeugt werden, wie verbraucht wird. Das erfordert eine möglichst genaue Prognose des Verbrauches, damit die nach einem Fahrplan gesteuerte Erzeugung dem später eintretenden Verbrauch möglichst entspricht. Jeder Erzeuger und jeder Verbraucher ist deshalb einem Bilanzkreis zugeordnet. Der Bilanzkreisverantwortliche muss dafür Sorge tragen, dass es keine Abweichungen zwischen Erzeugung und Verbrauch in seinem Bilanzkreis gibt. Andernfalls entstehen Frequenzabweichungen, die die Stabilität des Energieversorgungssystems beeinträchtigen.

Der Saldo aller Bilanzkreise ergibt die Systembilanz. Sie zeigt sich in einer Abweichung zwischen geplantem und tatsächlichem Import / Export und dient als Indikator für Prognosefehler und sonstige Störungen (z.B. Kraftwerksausfälle). Um möglichst wenig Regelenergie einsetzen zu müssen, werden zunächst die Systembilanzen der vier deutschen Regelzonen (NRV) saldiert und anschließend im IGCC (siehe Infobox) minimiert. 50Hertz gleicht die resultierenden Differenzen durch den Abruf der vorgehaltenen Regelleistung aus.

Die Regelenergie muss sofort abrufbar sein. Deshalb wird deren Vorhaltung ausgeschrieben und bei Regelenergieanbietern, die dafür zugelassen (präqualifiziert) sind, vertraglich gebunden (Regelleistung). Erst, wenn die vorgehaltene Leistung tatsächlich benötigt wird, wird sie aktiviert und es kommt zum Stromfluss (Regelarbeit). Um die Systembilanz stets ausgeglichen zu halten, schreiben die deutschen Übertragungsnetzbetreiber verschiedene Qualitäten der Regelenergie aus.

Primärregelleistung (PRL) ist das am schnellsten aktivierbare Produkt. Der Abruf erfolgt automatisch, dezentral und frequenzgesteuert. Eine Messung und Abrechnung der gelieferten Primärregelarbeit findet nicht statt. Bei einem Kraftwerksausfall wird ohne Eingreifen der Übertragungsnetzbetreiber im gesamten Synchrongebiet Europas PRL von den entsprechenden Anbietern erbracht. Die Regelzone, in der das Kraftwerk ausgefallen ist, bezieht den fehlenden Strom somit aus den anderen Regelzonen. Dies schlägt sich in der Import/Export Bilanz (Systembilanz) nieder.
Bei Systembilanzabweichungen wird die Sekundärregelleistung (SRL) eingesetzt. Ihr Einsatz erfolgt zentral und automatisiert (Leistungs-Frequenz-Regler) durch die deutschen Übertragungsnetzbetreiber. Der Einsatz von Sekundärregelenergie muss nicht ausschließlich durch Komplettausfälle von Anlagen hervorgerufen sein. Ständig auftretende Abweichungen zwischen prognostiziertem und tatsächlichem Strom werden ebenfalls durch den Einsatz von Sekundärregelenergie abgefangen. Ist die Auslastung der Sekundärregelleistung zu hoch oder geht diese nicht zurück, wird Minutenreserveleistung (MRL) abgerufen. Die SRL steht dann wieder zur Verfügung. Das Zusammenspiel der einzelnen Regelleistungsarten sowie der Beschaffungsprozess sind im Detail auf regelleistung.net beschrieben.

Infobox

Netzregelverbund (NRV)

Grid Control Cooperation (GCC)
In Deutschland gibt es vier Übertragungsnetzbetreiber, die in ihren Netzgebieten für das Gleichgewicht von Stromeinspeisung und -entnahme verantwortlich sind. In der Vergangenheit kam es dabei zu Situationen, in denen Leistungsüberschuss in einem Netzgebiet und Leistungsdefizit in einem anderen unabhängig voneinander ausgeregelt wurden. Seit 1. Mai 2010 arbeiten die vier Übertragungsnetzbetreiber im Netzregelverbund (NRV) zusammen, in dem die Ungleichgewichte der einzelnen Netzgebiete zunächst saldiert werden und nur die Summe der Abweichungen ausgeregelt wird. Das spart den Einsatz von Regelarbeit und senkt die vorzuhaltende Regelleistung sowie den CO2-Ausstoß.

International Grid Control Cooperation (IGCC)
Der Netzregelverbund wurde in den vergangenen Jahren kontinuierlich über die Grenzen Deutschlands hinaus erweitert. Mittlerweile sind Dänemark, Niederlande, Schweiz, Tschechien, Belgien und Österreich dem IGCC beigetreten. Für den grenzüberschreitenden Energieaustausch werden keine Übertragungskapazitäten an den Grenzen reserviert, sondern nur die nach Abschluss des Intraday-Handels noch zur Verfügung stehende freien Kapazitäten genutzt. Dadurch wird weniger Regelarbeit eingesetzt, nicht aber die Regelleistungsvorhaltung reduziert. Dennoch werden durch diese zusätzliche Saldierung jährlich Kosten in zweistelliger Millionenhöhe gespart und der CO2-Ausstoß reduziert.