Beginn der Elektrifizierung in Deutschland

Das Stromnetz in seiner jetzigen Form ist ein Konstrukt der historischen Entwicklung des vergangenen Jahrhunderts. Aufgrund der technischen Gegebenheiten war die Stromversorgung zu Beginn des 20. Jahrhunderts zunächst nur in unmittelbarer Umgebung der Stromerzeugungsstellen möglich. Die so genannten Versorgungsinseln entstanden überwiegend in Stadtgebieten und Ballungsräumen. 4040 Unternehmen mit einer installierten Leistung von insgesamt 2096 MW, d.h. durchschnittlich 500 kW je Werk, waren es bis zum Ersten Weltkrieg.

Die isolierte Verteilung der einzelnen Kraftwerke hatte allerdings zur Folge, dass der Ausfall eines Kraftwerks zu einer sofortigen Unterbrechung der Stromversorgung der angeschlossenen Verbraucher führte. Dies änderte sich mit zunehmender Industrialisierung, die einen steigenden Bedarf an Elektrizität und Versorgungssicherheit brachte. Nach und nach wurden einzelne Kraftwerke im Bereich der Niederspannung verbunden, so dass im ländlichen Bereich weitläufigere Netzstrukturen entstanden. Diese wurden später an die Mittelspannungsebene angeschlossen, um noch größere Entfernungen überbrücken zu können. Weil Last und Erzeugung weiter zunahmen, wurde schließlich eine neue Spannungsebene nötig: die Hochspannungsebene im Bereich der Regionalnetze. Durch den sukzessiven Ausbau der Netzstrukturen wurden die Verbraucher auch dann mit Strom versorgt, wenn ein Kraftwerk nicht in der Nähe zur Verfügung stand. Schwankende Nachfrage oder extreme Wettersituationen wurden mittels des Netzes und der vorgehaltenen Kraftwerksreserven beherrschbar.

Die Entstehung des deutschen und europäischen Verbundnetzes

Um 1930 entstand die erste Verbundleitung auf Höchstspannungsebene (220 Kilovolt) für den Stromtransport zwischen Regionalnetzen. Dadurch konnten z.B. Kohlekraftwerke im rheinischen Revier mit den Wasserkraftwerken der Alpen verbunden werden. In den folgenden Jahren wurde das Verbundnetz weiter ausgebaut: Bis 1945 entstand ein 220-Kilovolt-Verbundnetz („Reichssammelschiene") zur Verbindung der wichtigsten Kraftwerke zwischen dem Ruhrgebiet, dem mitteldeutschen Revier und Süddeutschland. Der hier erzeugte Strom konnte nun auf die angeschlossenen Regionalnetze verteilt werden.

Ab den 1950er Jahren erfolgte schrittweise der Ausbau der grenzüberschreitenden stromwirtschaftlichen Zusammenarbeit. Dies mündete 1951 im Zusammenschluss der Netze von elf Ländern zum europäischen Verbundnetz UCPTE. Derweil begann in Deutschland der Ausbau des 380-Kilovolt-Verbundnetzes.

Entwicklung des Verbunds in der DDR

Zum Ende des Jahres 1975 bestand in der DDR ein Höchstspannungsnetz mit mehr als 7600 km Systemlänge, vorwiegend 220 kV. Bis zur politischen Wende im Jahr 1990 wurde das Verbundnetz der DDR auf eine Systemlänge von 4312 km in 380 kV und 6416 km in 220 kV ausgebaut. Es bestanden 16 Umspannwerke bzw. Schaltanlagen mit einer Oberspannung von 380 kV und 39 mit 220 kV Oberspannung.

Entwicklung nach der Wende

Auf Grundlage des so genannten Stromvertrages vom 22. August 1990 zwischen der DDR-Regierung, der Treuhandanstalt und den großen westdeutschen Verbundunternehmen sowie fünf kleineren Unternehmen wurde am 12. Dezember 1990 die Vereinigte Energiewerke AG (VEAG ) als neues Verbundunternehmen gegründet. In der VEAG wurden im Februar 1991 die ostdeutschen Kraftwerke sowie das Verbundnetz zusammengefasst. Die Geschäftsbesorgung bei der VEAG erfolgte durch die Preussen-Elektra, die RWE und das Bayernwerk.

Zum 1. Januar 1994 wurde die VEAG für sechs Milliarden DM an ein Unternehmenskonsortium verkauft, bestehend aus den sieben westdeutschen Energieversorgern. Die Unternehmen Preussen-Elektra, Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerke und Bayernwerk waren daran mit 75% beteiligt, 25% bekam die EBH, eine Holding in Besitz von BEWAG, VEW, Badenwerk, EVS und HEW.

Im Jahr 2001 erwarben schließlich die Hamburgischen Electricitäts-Werke, seit 2000 eine Tochtergesellschaft von Vattenfall, die Aktienmehrheit der VEAG. Im September 2002 wurde die VEAG zusammen mit den Unternehmen HEW, LAUBAG und BEWAG in der neuen Gesellschaft Vattenfall Europe verschmolzen. Bereits im Juni 2002 wurde das Übertragungsnetz als erste Tochtergesellschaft der Vattenfall Europe aus der VEAG ausgegründet. Den anfänglichen Pachtverträgen für das Übertragungsnetzeigentum in Hamburg und Berlin folgte im Jahre 2006 der sogenannte Assetübergang an die VE Transmission GmbH.

Im Jahr 2008 gab die Vattenfall Europe AG bekannt, sich von ihrem Übertragungsnetz trennen zu wollen. Seitdem stand VE Transmission zum Verkauf. Am 5. Januar 2010 wurde das Unternehmen in 50Hertz Transmission GmbH, kurz 50Hertz, umbenannt.

Seit dem 19. Mai 2010 hat 50Hertz neue Anteilseigner. Der belgische Übertragungsnetzbetreiber Elia hält 60 Prozent der Anteile am Unternehmen. 40 Prozent sind im Besitz des australischen Infrastrukturfonds IFM Investors.

Die Entwicklung in Nord- und Ostdeutschland

 

Hamburg

Im Jahr 1887 errichtete die Stadt ein Zentralwerk für die öffentliche Stromversorgung, das 1894 an die neu gegründete Aktiengesellschaft „Hamburgische Electrizitätswerke“ (HEW) überging. Diese dehnte die Stromversorgung nach und nach auf die Vororte aus. 1903 wurde die Erzeugung von Drehstrom mit einer Spannung von 5 kV eingeführt, die mit dem Gleichstromnetz über Umformer gekuppelt wurde. Der dadurch mögliche Ausgleich von Belastung und wirtschaftlicher Erzeugungsmöglichkeit ist ein frühes Beispiel für den Verbundgedanken im eigenen Unternehmen. 1914 beteiligte sich der Hamburgische Staat zu 50 Prozent am Aktienkapital der HEW. Das Versorgungsgebiet wurde auf das gesamte Hamburgische Staatsgebiet ausgedehnt. Bis 1944 wurde das Netz der HEW als Inselnetz betrieben.

1988 übernahmen die HEW die Mehrheitsbeteiligung an der Hamburger Gaswerke GmbH.

Berlin

In Berlin gründete die Stadt 1915 die Berliner Städtische Elektrizitätswerk AG (BEWAG). Von 1919 bis 1929 wurden die Kraftwerke Charlottenburg, Klingenberg und Rummelsburg umgebaut bzw. erweitert, in Charlottenburg errichtete man eine Dampfspeichermaschine. 1929 begann der Bau des Großkraftwerks West, später Kraftwerk Reuter. Den beiden getrennt gefahrenen 6-kV-Netzen für die Stromverteilung wurde ein 30-kV-Netz überlagert, in dem alle Kraftwerke zusammengeschlossen waren. Die Berliner Kraft- und Licht-Aktiengesellschaft (BKL), die in den 1930ern entstand, wurde 1934 mit der BEWAG zur Berliner Kraft- und Licht (BEWAG)-Aktiengesellschaft zusammengefasst.

Bis 1993 betrieb die Bewag das Stromnetz des ehemaligen West-Berlins als Inselnetz, wofür der Bau zahlreicher Kraftwerke im Stadtgebiet nötig war. Inzwischen gehört die Bewag zum schwedischen Vattenfall-Konzern und wurde am 1. Januar 2006 in Vattenfall Europe Berlin umbenannt.

Brandenburg

Unter Führung der Firmen AEG und Siemens begann ab 1909 der Aufbau der Stromversorgung in der Mark Brandenburg. 1915 wurde das Märkische Electricitätswerk (MEW) seitens der Provinzialverwaltung zu einer allgemeinen Landesversorgung ausgebaut. Ab 1930 übernahm MEW durch Aktientausch die Aufgabe der Landesversorgung von Brandenburg, Pommern, Mecklenburg und der Grenzmark.

Sachsen

1912 gründeten 50 Gemeinden und Gemeindeverbände den Verband der im Gemeindebesitz befindlichen Elektrizitätswerke (Elektroverband). Der Staat erklärte die Elektrizitätsversorgung zur Staatsaufgabe, da der Elektroverband seine Pläne zum Bau von Kraftwerken und Hochspannungsleitungen nicht durchführen konnte. 1915 wurde die Direktion der Staatlichen Elektrizitätswerke (ELDIR) errichtet, die 1923 in die AG Sächsische Werke (ASW) umgewandelt wurde. Alleiniger Aktionär blieb der Staat. 1935 hatten die 110-kV-Leitungen der ASW bereits eine Systemlänge von 695 km.

Thüringen

Aufgrund einer Vielzahl von Regionalwerken war die Elektrizitätslandschaft in Thüringen stark zersplittert. Das Netz der Thüringischen Landeselektrizitätsversorgungs-AG (Thüringenwerk) betrieb das Großkraftwerk Erfurt, das Kraftwerk der Saal-Talsperre Bleiloch und ein Wasserkraftwerk an der Werra. Mit der ASW und der Preußenelektra wurden Strombezugsverträge abgeschlossen.

Sachsen-Anhalt

Die Elektrizitätswerk Sachsen-Anhalt AG wurde 1917 unter maßgebender Beteiligung der Deutschen Continental-Gesellschaft in Dessau und des Provinzialverbands Sachsen gegründet. Ab Januar 1922 lieferte das Kraftwerk Zschornewitz Strom für Magdeburg über die neue 110-kV-Leitung Zschornewitz-Dessau-Magdeburg. In den folgenden Jahren wurde eine Hochspannungsleitung Großkaina-Mansfeld-Nachterstedt errichtet. 1927 kam die Querverbindung Nachterstedt-Förderstedt hinzu, womit der 110-kV-Ring geschlossen werden konnte.

Quelle: Bausteine für Stromeuropa, Eine Chronik des elektrischen Verbunds in Deutschland, Artur Schnug und Lutz Fleischer, Deutsche Verbundgesellschaft (DVG), November 1999

Infobox

Das deutsche Stromnetz

Das deutsche Stromnetz besteht aus vier Ebenen. In der obersten Ebene, den überregionalen Übertragungsnetzen, wird der Strom mit einer Höchstspannung von 380 beziehungsweise 220 Kilovolt von den Großkraftwerken über große Entfernungen zu den Verbrauchsschwerpunkten übertragen – auch zu den europäischen Nachbarn. Die zweite Ebene decken die Verteilnetze der regionalen Stromversorgungsunternehmen ab. Sie verteilen den Strom mit einer Spannung von 110 Kilovolt (Hochspannung) in einem größeren Gebiet und versorgen die Großindustrie. Ebene drei sind die lokalen Netze (Mittelspannung mit weniger als 110 Kilovolt), die Industrie und Gewerbe versorgen. Die unterste Spannungsebene (Niederspannung mit weniger als 1 Kilovolt) ist für die Versorgung von Haushalten und kleinerem Gewerbe zuständig. Die verschiedenen Spannungsebenen sind durch Umspannwerke miteinander verbunden. Hier wird die Spannung in eine höhere und niedrigere Spannung umgewandelt.